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 24.03.2017

Lecker sieht anders aus.    Foto: spxChrome/Pixelio

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A la Minute

Von Christian Hutter

Der Mahlzeitendienst Essen auf Rädern richtet sich vor allem an Bedürftige. Für die Mitarbeiter ist er Akkordarbeit. 40 Menüs in zweieinhalb Stunden verteilen - da bleibt kaum mehr als eine Minute Zeit pro Kunde.


    Aus dem Türspalt strömt ein beißender Geruch: Eine Mischung aus verbrauchter Luft, schimmelnden Essensresten und Urin. Innen stapeln sich leere Plastikflaschen, Hunderte silberner Aluminiumschalen und Müll.  Die Wohnung von Emilie B. gleicht einer Halde für alte Verpackungen. „Es sah hier auch schon schlimmer aus“, sagt Christian Schmid, Zivildienstleistender beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Bayern. Die alte Dame leidet unter dem Desorganisations-Syndrom, besser bekannt als Messi-Syndrom. Ihr fehlt jeglicher Ordnungssinn. Dinge wegwerfen kann sie nicht. „Was bei gesunden Menschen in der Tonne landet, landet bei ihr auf dem Boden“, erklärt der junge Zivi. Er bringt Emilie B. täglich das Mittagessen. Für sie aufräumen kann er nicht - dazu fehlt die Zeit.

Emilie B. ist eine von etwa 320 000 Menschen, die in Deutschland mobil verköstigt werden. Grundsätzlich kann jeder Bundesbürger den Mahlzeitendienst „Essen auf Rädern“ in Anspruch nehmen, doch in erster Linie richtet er sich an Bedürftige. An Menschen, die nicht mehr selbst kochen können, bettlägerig oder nicht in der Lage sind, ihren Alltag eigenständig zu organisieren.

Christian Schmid spricht respektvoll von seinen „Kunden“. Er ist sich darüber bewusst, welch bedeutende Rolle er in deren Leben spielt: „Oft haben sie keine Verwandten oder Bekannten mehr. Wir sind dann die einzigen, die regelmäßig bei ihnen vorbeischauen.“

Maria M. öffnet vorsichtig ihre Haustür. Obwohl die 89-Jährige genau weiß, dass um 10.30 Uhr „Essen auf Rädern“ klingelt, blickt sie lieber zweimal durch den Türschlitz. Für die alte Dame schneidet Schmid sogar das Fleisch. Vor Monaten schon hat sie sich den rechten Arm gebrochen, direkt oberhalb der Handwurzel. „Ich bin vor meinem Haus gestürzt“, erzählt sie und zeigt ihren Arm: Wie eine riesige Beule steht der Knochen knapp fünf Zentimeter über. Trotzdem ist Maria M. gut aufgelegt. „Ich weiß nicht, ob es vielleicht am Wetter liegt“, schreit sie Schmid entgegen: „Aber mit dem Hören klappt es heute nicht so.“ Der Hörgeräteakustiker, hofft sie, wird die Hörhilfe am Nachmittag wieder richtig einstellen.

Genug der Worte. Christian Schmid muss weiter.

Gespräche wie diese sind für den Zivildienstleistenden selten. „Zeit für eine Unterhaltung habe ich normalerweise nicht. Denn jeder will sein Mittagessen am liebsten um Punkt Zwölf auf dem Tisch stehen haben.“ Schmid ist verantwortungsbewusst und sorgt sich um seine Kunden. Trotzdem muss er sich auch an die zeitlichen Vorgaben seines Arbeitgebers halten. Essen auf Rädern heißt für ihn: Akkordarbeit. Für jeden Kunden hat er etwa eine Minute Zeit. Dann muss er weiter. Zwischen den Besuchen versucht er Zeit zu gewinnen. „In Maßen, versteht sich.“ Offiziell ist Rasen verboten. Doch an die Geschwindigkeitsbeschränkungen hält er sich nur in der Nähe von Schulen, im Interesse seiner Kunden - und seines Arbeitgebers. Auf der Motorhaube seines silbernen Ford Fiesta prangt groß die Telefonnummer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Auf dem Speiseplan stehen heute Schweinebraten und Spinat-Käsespätzle mit Röstzwiebeln und Salat. Je nach Gusto und körperlicher Fitness wählen die Kunden zwischen Senioren-Vollkost, vegetarischer Kost oder Diätkost. „Ausgefahren wird sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr“, erzählt der 19-Jährige. In einer Großküche werden die Menüs genau abgezählt. „Wenn ein Essen fehlt, müssen wir schnell eins kaufen. Auf eigene Kosten.“

40 Menüs muss Christian Schmid heute ausfahren. Dafür hat er zweieinhalb Stunden Zeit. Auf seiner Tourenliste steht genau, in welcher Reihenfolge die Essen ausgeliefert werden müssen, mit Hinweisen zu den einzelnen Kunden. Manch einer möchte zum Beispiel keinen persönlichen Kontakt. Warum? Christian Schmid zuckt mit den Schultern. Er hat diese Menschen noch nie gesehen, stellt das Essen vor der Tür oder auf der Terrasse ab. Andere, wie Maria M., benötigen Hilfe. Oder sind ängstlich. Dann steht ein vereinbartes Klingelzeichen auf der Liste.

Rita W. freut sich über Christians Besuch. Die 82-Jährige ist eine dickköpfige alte Dame. Ihren letzten Krankenhausaufenthalt musste sie vorzeitig abbrechen, weil sie auf dem Zimmer geraucht hat und sich das vom Pflegepersonal nicht verbieten lassen wollte. „Die Klinikleitung hat sie schließlich hinausgeworfen“, erzählt der Zivi. Rita W. ist ihm mittlerweile ans Herz gewachsen. Dass es für beide ein Tag des Abschieds wird, ahnt sie noch nicht. Denn Schmid beendet demnächst seinen Zivildienst. Die 82-Jährige sieht er heute zum letzten Mal.

Rita W. leidet an Grünem Star. Damit sie fernsehen kann, dunkelt sie ihr Wohnzimmer tagsüber ab. Noch vor zwei Jahren hat sie selbst gekocht, am liebsten Königsberger Klopse. Doch mittlerweile ist sie auf die Hilfe von Fremden angewiesen.

Fremde, die manchmal zu Vertrauten werden. Als sich Christian Schmid für immer verabschiedet, ist die alte Dame überrascht - und traurig. Trösten aber kann er sie nicht, denn der 19-Jährige muss weiter. Der nächste Kunde wartet bereits.


Christian Hutter, geboren 1978, studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Politik. Er ist freier Journalist in Augsburg.



Nicht erschienen, weil

Der Text im Rahmen eines Volontärkurses entstanden ist. 

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