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 30.04.2017

Bob Dylan hat den Heiligen Geist in sich...  Foto: Sony BMG

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I am there

Von Wolf Reiser 

Für zwei Dollar Gage nölte er sich in New York durch die Clubs, landete plötzlich an der Spitze der US-Bürgerrechtsbewegung, schwamm musikalisch gegen den Strom und ließ sich von Gott inspirieren: Bob Dylan ist den Amerikanern der Inbegriff der Authentizität. Und in Deutschland bald live zu sehen.
    

    Ende Juni 1978 sahen die Deutschen Bob Dylan zum ersten Mal live. Die Berliner bewarfen ihn gleich einmal mit Eiern und Tomaten. Ein paar linke Intellektuelle druckten im Tip eine fingierte Todesanzeige ab, in der sie das künstlerische Ende ihres Idols beklagten. Grund: der verklärte Protestsänger ließ sich – damals politically incorrect - von drei pechschwarzen Background-Sängerinnen begleiten, verhunzte seine Polit-Klassiker zu Reggae-Chansons und präsentierte sich in den Augen der Folk-Puristen wie die US-Variante des Südfunk-Tanzorchesters. 

Im Vorfeld jener Dylan-Tour hatte der Bodensee-Dichter Martin Walser die deutsche Öffentlichkeit gefragt, was an diesem „herumzigeunernden Israeliten“ so besonders wäre?

Ganz bewusst hatte sich Dylan entschieden, zwei Tage nach dem Berliner Gig auf dem Nürnberger Zeppelinfeld aufzutreten, auf dem Hitler einst schauerliche Paraden abnahm.  „Heavy deal, very heavy deal“, meinte Stargast Eric Clapton während der Vorbesichtigung. Veranstalter Fritz Rau wollte die riesige Tribüne mit schwarzen Tüchern abhängen und diese mit großen, weißen Lettern versehen, die ein „The Times they are a-changing“ ergeben hätten. Dylan war das zu plakativ. Er verzichtete auf ein spezielles Bühnenoutfit und  Effekthascherei. Während die über 100 000 Zuschauer mit dem Rücken zur Nazi-Arena standen, hatte Dylan sie mehr als drei Stunden lang vor Augen. Er spielte 30 Lieder, darunter das „Masters of War.“ Obwohl alles relativ ruhig verlief, ging ihm dieser Abend noch lange durch den Kopf: „Da war eine Menge Gewalt spürbar, aber am Ende machte es uns viel Spaß, auf diesem Platz zu singen.“

Dylan traf bei den Deutschen einen ganz besonderen Nerv. Er wusste natürlich, dass sie nach Hitler kein echtes Volkslied mehr hatten, höchstens Fragmente aus Walter von der Vogelweide, des Knaben Wunderhorn, ein paar jüdische Couplets, übertönt von preußischer Marschmusik, Wagner und James Last. Dylan war sich der paradoxen Tatsache bewusst, dass er als Siegermachtssänger den Gesang nach Deutschland zurückbrachte und so wurden sein „Blowing in the Wind“ oder „Forever Young“ zu den neuen deutschen Volksliedern. 

Heldenverklärung

Im Jahre 1987 trat er in Ost-Berlin vor ebenso vielen DDR-Fans auf, die damals auf einen flammenden Anti-Honnecker-Appell warteten. Kein Wort kam diesbezüglich über seine Lippen, nichts da mit Glasnost und Sonderzug nach Pankow. Reichlich lustlos schrammte er 14 Songs daher und verzog sich in seine Westberliner Hotel-Suite. Doch je inständiger er sein Credo: „Don’t follow leaders“ wiederholte, desto maßloser entwickelte sich die Heldenverklärung.                                                           

Dylan wurde am 24. Mai 1941 im Eisenerzkaff Duluth in Minnesota als Robert Allen Zimmermann geboren. Vater Abraham ist Elektrowarenhändler, Mutter Betty Hausfrau. Bleischwer, öde und höhepunktsarm verlaufen Kindheit und Jugend. Mit zehn Jahren brachte er sich das Gitarre- und Klavierspiel bei. Er hörte nächtelang lokale Radiosender, Hank Williams, irische Folklore, ein bisschen Country und Little Richard. Er stellte erste High-School-Combos zusammen und erholte sich von den Schönheiten und Grausamkeiten der Liebe bei den Helden der sonntäglichen Kinonachmittage: Chaplin, Dean und Brando. Im Jahre 1961 trampte Dylan Richtung New York. 

In der 2005 erschienenen Film-Dokumentation „No Direction Home“ von Martin Scorsese blickt Dylan auf jene Jahre zurück: „Ich hatte keine Ziele und keine Ambitionen. Ich machte mich auf, den Ort zu finden, den ich verlassen hatte. Ich wusste nicht, wo er war, aber ich war auf dem Weg dorthin.“ 

Romantischer Mythos - Highway, Straße, Schienen. Die Parallelen zu berühmten Wanderern und Predigern drängen sich auf, zu Paulus, Homer, Herodot, Hölderlin, Rimbaud, Eichendorff, Dante, Shakespeare. Es riecht nach Staub, Tankstellen, Güterzügen, Sternenhimmel, Dauerregen, Saloons, Wüste, Bibel, Schießereien, Billard, Pokerrunden, schwerem Schnaps und leichten Mädchen, streikenden Minenarbeitern, korrupten Sheriffs; Bilder und Motive die wenig später in seinen Songs auftauchen. 

Dylan zog seinen Stiefel durch, nahm, was er kriegen konnte, plünderte Verse, klaute Platten, sog in sich auf, was ihm vor den Rüssel geriet. 

Aus Zimmermann wurde Dylan, Bob Dylan

Eines seiner erklärten Ziele war eine Karriere auf der elitären Militär-Akademie von Westpoint - soviel zum Thema pazifistischer Überzeugungstäter. Dort war man aber nicht scharf auf schmuddlige Wandergitarristen. Seine Verärgerung kompensierte er mit der Lektüre der Kriegsästheten Montesquieu, Thudikydes, Clausewitz. Über Voltaire und Rousseau entdeckte er Brecht, Ginsberg, Eliot, Whitman. Für zwei Dollar Gage am Abend nölte er sich im New York Village durch die nächtlichen Live-Schuppen. Zügig nahm er vom Nachäffen bekannter Folkweisen Abstand und verärgerte die naive Peace&Love-Szene bald mit giftig-zynischen Balladen, flankiert von seiner markerschütternden Mundharmonika. 

Aus Zimmermann wurde Dylan, Bob Dylan. Das klang walisisch und roch nach Whisky, Skandal, Rebellion, Rausch und Poesie. Er machte seine erste Platte, ohne Erfolg, dann seine zweite, mit Erfolg und fand sich plötzlich wieder in einem Strom unbändiger Kreativität. Jahrzehnte später sagte er dazu: „Ich weiß nicht, wie ich zu diesen Liedern kam, ich habe nicht die geringste Ahnung. Sie entstanden auf magische Art und Weise. Als ob sie schon da gewesen wären...“ 

Mit „Blowing in the wind“ schaffte er 1963 seinen Durchbruch. Obwohl er darin keinerlei Antworten auf selbstgestellte Fragen gab, hievte ihn der Song an die Spitze der Bürgerrechtsbewegung und machte ihn zum, wie er später beklagte, „kyptokommunistischen Obermufti der Gegenkultur“. Der Vietnamkrieg tobte, John F. Kennedy wurde ermordet, die Cubakrise und der Kalte Krieg trieben die Welt an den Abgrund  und Dylan wurde der verwaiste Spitzenplatz eines neuen Messias zugewiesen. Im ersten Band seiner 2005 erschienen „Chronicles“ - unter den Hunderten von Dylan-Biographien die einzig autorisierte, weil selbstverfasste - drückt Dylan sein Erstaunen darüber aus „dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war, zum Hohepriester des Protests, zum Zaren der Andersdenkenden, zum Herzog der Befehlsverweigerung, zum Chef der Schnorrer, zum Kaiser der Ketzer, zum Erzbischof der Anarchie, zum großen Zampano. Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte und ich wusste auch nichts über diese Generation. Ich hatte nie die Absicht gehabt, anderer Leute Meinung ins Mikro zu schreien. Ich war eher ein Kuhhirte als ein Rattenfänger.“ 





Nicht erschienen, weil

Die Zeitung bereits einen hausinternen Autor mit dem Thema beauftragt hatte. 

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Europatournee 2009:

Zwischen dem 31. März und 5. April 2009 treten Bob Dylan und Band in fünf deutschen Städten auf:

Dylankonzerte beginnen inzwischen so pünktlich wie die Tagesschau, dauern so lange wie ein Champions-
leagespiel, sind fast immer ausverkauft und bringen inzwischen ein Publikum aus drei Generationen zusammen. Viele seiner neuen Fans gewann Dylan mit seinem vorletztem Album „Modern Times“, das ihn genau 30 Jahre nach dem Erfolg von „Desire“ wieder an die globale Charts-Front einberief. Der jüngste Coup ist sein aktueller Bootleg-CD-Block „Tell Tale Signs“, ein virtuoses Konvolut aus poetischen Schätzen und archaischen Meisterwerken. Cooler Workingman-Blues bestätigt, dass er der Barde des Friedens, der Frechheit, der Freiheit, der Frauen und alles Farbigen war, ist und bleibt.

Speziell in Deutschland ist das Dylanbild über jeden Dylan erhaben. Seine Balladen waren und sind der Soundtrack zum Ohnesorg-Juni, zu Brandts Kanzlercoup, zu Schleyers Entführung, zum Startbahn-West-Zoff, zum vermasselten Abitur und der ekstatischen Acid-Defloration.

Tourdaten Deutschland
2009:

31.03. Hannover, AWD-Hall

01.04. Berlin,
Max-Schmeling-Halle
02.04. Erfurt, Messehalle
04.04. München, Zenith
05.04. Saarbrücken, Musikfestival Saar