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 14.12.2017

Viel Eiweiß, kein Cholesterin - alles, was ein Männerbrot braucht.  Foto: istockphoto.com/David Crockett

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Ein Mann, ein Brot

Von Stephanie Knauer

In den Lebensmittelregalen herrscht Geschlechtertrennung. Hautstraffende Konfitüre für Sie, Exklusiv-Schokoriegel für Ihn...wollen wir das wirklich?


    Wechseljahre-Kotelett, Bodybuilding-Nutella und PMS-Schokolade: ein Scherz? Ja – noch. Denn der Kommerzkampf um die Geschlechter greift nun auch auf das Essen über. „Gender Food“ nennt die Fachsprache das designte Nahrungsangebot, das auf die Weiblichkeit, Männlichkeit oder Mannbarkeit der Zielkunden – Gender eben – zugeschnitten ist. Als blühender Ableger der Mutterpflanze „Functional Food“, die unser Essen mit angeblichen Gesundmachern wie Vitaminen, Probiotika oder Ballaststoffen spickt; und laut Prognosen im Jahr 2010 ein Viertel des globalen Lebensmittelmarktes nähren wird. 

Als Gender wird die soziale Geschlechtsidentität bezeichnet, die sich je nach Land und Leuten anders gebärden kann. Das „typisch Frau“ und „typisch Mann“ ist es, worauf „Gender Food“ zielt. Und sei es nur durch Werbung wie im Falle von Nestlés Schokoriegel „Yorkie“: Zwar ist der 68-Gramm-Barren schon seit 1976 zu haben; am 1. April 2002 jedoch bekam er ein neues Verpackungsgewand mit dem Zusatz „It's not for Girls!“ – mit diesem Frauenverbotsschild als Hingucker für das männliche Auge erreichte „Yorkie“ in den USA bald Rekordverkäufe und in England Kultstatus.

Marktstrategie und Produktdesign zielen in Fällen wie diesem explizit auf Gender. So auch das Coca-Cola-Produkt „Zero“, das eigentlich ein Zwilling des meist von durstigen Frauenkehlen konsumierten „Light“-Gewichts ist und durch betont maskulines Auftreten und angeblich ursprünglicheren Geschmack von der Männerwelt getrunken werden will. Übrigens sind auf dem Cola-Markt inzwischen die ebenfalls zuckerfreien Wellness-Varianten „Plus Green Tea“ und „Plus Lemon C“ aufgetaucht, die sich mit entsprechender Verpackung an Damen zwischen 25 und 39 Jahren richten.

Die Spitze der „Gender Food“-Pyramide aber bilden Lebensmittel, die mit Zusatzstoffen auf den Ernährungsbedarf des angestrebten Geschlechts zurechtgestutzt wurden. Angeblich achten Frauen mehr auf Zucker und Cholesterin und fühlen sich bei – maßvollen – Diäten sogar stimuliert, während das starke Geschlecht beim Fasten schlapp wird. Dafür sollen Männer mehr Alkohol vertragen können und benötigen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zufolge generell mehr Kalorien, Vitamine und Mineralstoffe. Also trug die kanadische Firma „French Meadow Bakery“ das klinisch getestete Bio-„Men´s Bread“, Männerbrot, zu Markte, das unter anderem mit sieben Gramm Protein, 0 Prozent Cholesterin und fünfeinhalb Dollar „for a healthy heart and prostate“, für ein gesundes Herz und eine gesunde Prostata, zu Buche schlägt. Geballte Manneskraft kostet eben.

Buchstäblich ans Eingemachte ging die französische Kosmetikfirma Noreva: Ihre hautstraffende Konfitüre „Norélift“ für Frauen ist seit gut drei Jahren auf dem Frühstücksbaguette so mancher Pariserin zu finden. Eigentlich ist die Marmelade damit schon Teil des florierenden „Beauty Food“-Bereichs - wie etwa auch das Anti-Aging-Bier der Klosterbrauerei Neuzelle, das neben Hopfen und Malz auch mit Spirulina und Sole versetzt ist und so Schönheit und Vitalität fördern will. 

Doch die Idee, bestimmte Lebensmittel einem Geschlecht zuzuschreiben, ist so neu nicht: Was wäre, wenn die Dame am Nebentisch Steak blutig bestellen würde? Fleisch fett und satt gilt immer noch als Männersache und das darin enthaltene Eiweiß als Potenzversprechen. Dass Männer zunehmend nach Fettärmerem linsen, ist dem Ernährungsbewusststein zu verdanken, das sich in Deutschland langsam unter der - zum großen Teil noch übergewichtigen - Bevölkerung durchsetzt; aber auch dem Wohnmodell Singlehaushalt: Sein Anteil in Deutschland betrug vor fünf Jahren immerhin 37,2 Prozent. Für 2025 liegen die Prognosen bei 41,2 Prozent. 

Dem Trend des einsamen Cowboys folgte nun auch Porsche Design. Zusammen mit dem Küchenhersteller Poggenpohl entwickelte die Abteilung für Herren-Accessoires eine „Porsche Design Kitchen“, die mit Aluminium- Rahmen, multifunktionalen Lichtsystemen und motorisierten Fächern Männer an den Herd locken will. Es scheint zu klappen: Die Resonanz auf die Präsentation war enorm, die weltweite Warteliste ist es eigenen Angaben zufolge ebenfalls. Auch exklusive Männer-Kochkurse, die den Neuling vor den kritischen Blicken der holden Weiblichkeit bewahren, finden großen Anklang. 

So kann Kerl ran an den Speck. Und Frau vor die Mattscheibe.
Mit Anti-Aging-Bier natürlich.       

                         

Stephanie Knauer, geboren 1971 in Augsburg, studierte Musik und schrieb seitdem unter anderem als freiberufliche Journalistin für die Augsburger Allgemeine. 


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