Heute:
 30.04.2017
Franz Joseph Strauss / Foto: Bernd Arnold
Wer klammert sich da an die Kanzel? Franz Joseph Strauss.  Foto: Bernd Arnold, www.berndarnold.de

POLITIK       KULTUR      LEBEN     

Hoch hinaus

Von Hans Durrer

Die Sucht nach Ruhm und Anerkennung, nach Alkohol und Drogen - in  seinem Bestseller "Höhenrausch: Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker" reflektiert Spiegel-Autor Jürgen Leinemann über menschliche Schwächen,  seine eigenen und jene deutscher Politiker. 
   

     Helmut Schmidt, der als deutscher Bundeskanzler mehr als ein Dutzend Mal bewusstlos zusammengebrochen war, und Franz Josef Strauss, der gemäß seiner Lebensgefährtin Renate Piller "einfach nicht nippen" konnte, hat der Spiegel-Autor Jürgen Leinemann als süchtig erlebt; Joschka Fischer, der vom unmäßigen Bechern und Futtern zum unmäßigen Joggen (und wieder zurück) wechselte, ist ihm ein Exempel an Suchtverlagerung. Leinemann, der wohl zu den kenntnisreichsten politischen Berichterstattern Deutschlands gehört, weiß, wovon er schreibt – er ist selber süchtig, er hat sich seiner Sucht gestellt, ist mittlerweile schon lange trocken.

Seit zwanzig Jahren wusste er, dass er über seine Erfahrungen und Beobachtungen zum Thema Sucht und Politik ein Buch schreiben würde. Mittlerweile liegt es vor: "Höhenrausch: Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker" (Blessing Verlag). Warum hat er so lange damit gewartet? "... weil ich wusste, dass ich mich selbst als Süchtiger zu erkennen geben müsste, sollte die Charakterisierung der Politiker als potenzielle Erfolgs-Junkies nicht denunzierend wirken." Zudem wollte er sich erst als trockener Alki bekennen, wenn er nicht mehr für den Spiegel im politischen Tagesgeschäft tätig war, der ihn, als er es nötig hatte, schützte und stützte. Denn schließlich begegnet man auch in unseren vermeintlich aufgeklärten Zeiten einem Süchtigen nach wie vor mit (moralisch eingefärbten und diffamierenden) Vorbehalten.

Das Wort "Sucht" kommt nicht von "suchen", es kommt von "siech" und das heißt krank. Ein Süchtiger ist ein Kranker, der die Wirklichkeit als unerfüllt oder bedrohlich erlebt und nun versucht, diesem Gefühl Abhilfe zu schaffen, sei es durch chemische Substanzen wie Alkohol oder Rauchwaren, sei es durch Arbeit oder öffentliche Anerkennung. Man gewöhne sich an solche Mittel, durch ständige Wiederholung und immer höhere Dosierung entstehe zunächst Abhängigkeit, dann Sucht, schreibt Leinemann, und fügt hinzu: "Einzugestehen, dass ich zwar alkoholabhängig war, dass mein süchtiges Verhalten aber nicht durch Whisky, Bier oder Wein erzeugt wurde, sondern dass umgekehrt der Suff die Folge eines persönlichen Defizits war, fiel mir nicht leicht. Es half aber, dass ich schnell merkte, wie sehr auch andere sich mit dieser Problematik herumschlugen – nicht zuletzt in der Politik."

Die Beweggründe eines Politikers, hat Willy Brandt gesagt, ergäben sich häufig mehr aus dessen Struktur als aus den eingespielten politischen Regeln. Auf dieser Einsicht gründet Leinemanns Berichterstattung. Sorgsam hat er jeweils der Herkunft und Lebensgeschichte der politischen Akteure wie auch ihrer sozialen Rollen nachgespürt. Und er hat, weil er nicht nur genau zu beobachten weiß, sondern auch Zusammenhänge bemerkt, die von viel Menschenkenntnis zeugen, Schilderungen von erhellender Eindrücklichkeit zustande gebracht: "Franz Josef Strauss war nicht nur der bayerische Kraftbolzen, als der er sich mit Vorliebe gerierte and als den ihn Freund und Feind bewunderten. Er war auch empfindlich, verwundbar und ängstlich. In Wahrheit kennzeichnete ihn Unstimmiges. Statisch und dynamisch war er zugleich, grazil und massig, grossspurig und kleinmütig. Er marschierte ja nicht, wie das Klischee behauptete, er walzte nicht und schon gar nicht schob er sich vorwärts. Er hastete vielmehr in weicher Eile, verfiel fast ständig in einen unsteten Trippeltrab. Sein Gang hatte kein Gewicht."

Leinemanns Buch überzeugt, weil er keinen Hehl daraus macht, dass seine jeweilige Sichtweise mit seiner persönlichen Biografie, mit dem jeweiligen Stand seiner Selbsterkundung zu tun hat. Damit macht er klar, dass es keine objektive Berichterstattung gibt, sie nicht geben kann; dass man, um wahrhaft Zeugnis ablegen zu können, auch über sich selber Auskunft geben muss, sich selber und anderen gegenüber. Über Strauss zum Beispiel konnte er erst (und vor allem darum) einfühlend schreiben, als er entdeckte, dass es mit dem Bayer – "nicht in seinen politischen Inhalten und seinen gesellschaftlichen Zielen und schon gar nicht in seinen finanziellen Praktiken, wohl aber in seinen verdeckten Ängsten, in den Lebenszielen der ehrgeizigen Aufsteigers, in den emotionalen Einfärbungen und den zeitgeschichtlichen Prägungen durch eine autoritäre Familien- und Kleinbürgerwelt – mehr Ähnlichkeiten und Überschneidungen [gab], als ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen hätte ausmalen können."

Auch wenn der 1937 im niedersächsischen Celle geborene Historiker, der seit 1971 für den Spiegel arbeitet, eine Fülle von Informationen verarbeitet und eine veritable, aus der Nähe miterlebte, deutsche Polit- und Politiker-Geschichte der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts vorgelegt hat - die eigentliche Stärke seines Buches liegt in der Selbstreflexion, zu der auch die Einordnung des eigenen Ego in Zeit und Kultur gehört: "... es bedurfte des völligen physischen und psychischen Zusammenbruchs, bis ich begriff, dass mein privates Unglück, meine zunehmende Entfremdung von mir selbst, vom gesellschaftlichen und politischen Umbruch dieser Jahre nicht zu trennen war."

Leinemann führt den Suchtexperten Werner Gross an, der eine zunehmende "Versüchtelung" der Gesellschaft in der heutigen Zeit diagnostiziert - mehr denn je scheint der Mensch von Sucht bedroht; das von den Medien geförderte Bedürfnis nach der Droge Aufmerksamkeit ("die unwiderstehlichste aller Erfolgsdrogen") trägt dazu bei.

Er schreibe doch jetzt seit vier Jahrzehnten über Politik, das sei also auch sein Leben, sagte Die Zeit in einem Gespräch mit Leinemann und fragte: "Warum tun Sie sich das an? Immer noch einen leeren Egomanen? Immer noch einen, der nicht aufhören kann?", worauf Leinemann antwortete: "Vielleicht bin ich auch so. Ein bisschen. Sonst würde mich diese Welt wohl nicht so faszinieren."


Hans Durrer, Jahrgang 1953, ist freier Autor in der Schweiz und schreibt unter anderem für Die Gazette.



Nicht erschienen, weil

Die Publikation immer wieder verschoben wurde.

Zurück zur Startseite...

Zu weiteren Artikeln im Ressort Politik...


Jürgen Leinemann, geboren 1937, arbeitete viele Jahre als politischer Korrespondent in Washington, Bonn und Berlin. 

Er gilt als einer der
wichtigsten Journalisten in Deutschland, bekam höchste publizistische Auszeichnungen - und doch durchschritt er persönliche Tiefen. Erst kürzlich stellte Leinemann sein neues Buch "Das Leben ist der Ernstfall" (Hoffmann und Campe, 2009) vor, in dem er über seine Krebserkrankung schreibt.

"Höhenrausch: Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker" erschien bereits 2004 im Blessing Verlag und wurde ein Bestseller.


Juergen Leinemann

Jürgen Leinemann/Foto: 
Monika Zucht c/o Spiegel Verlag