Heute:
 11.03.2010

MC Gringo mit seiner Frau Lidinéia.  Fotos:  David Klaubert

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Der Gringo de Janeiro

Von David Klaubert  

Verbrecherbanden und korrupte Manager geben im Baile Funk den Ton an. Der einzige Ausländer, der auf den Partys in den Armenvierteln von Rio de Janeiro regelmäßig auftritt, ist der Schwabe Bernhard Weber – alias MC Gringo.  
 

    Bernhard Weber geht langsam. Der Weg ist steil und mühsam, kerzengerade führt die holprige Straße den Hang hinauf, hoch in das funkelnde Lichtermeer, das die Hügel überzieht. Bei jedem Schritt zieht Weber sein linkes Bein ein bisschen nach, er hinkt. Hupende Motorräder brausen an ihm vorbei, schlängeln sich um Schlaglöcher und Menschen, Mädchen in viel zu kurzen Röcken stöckeln hinterher. Von oben dröhnen ihnen wummernde Bassschläge entgegen, am Nachthimmel explodiert gerade eine bunte Leuchtrakete. Es ist Samstagabend, kurz nach Mitternacht, und oben im Gassengewirr des Armenviertels Chatuba beginnt der Baile Funk: Brasilianischer Hip-Hop und dröhnende Synthesizer, brutale Beats und gellender Sprechgesang. Baile Funk, das ist die Musik der Jugend in den Favelas, Volksfest in den Ghettos von Rio de Janeiro. Und Weber will hier heute Abend singen. 

Kurz hinter dem Eingang der Favela thront der Chef des Viertels auf einem Plastikstuhl, umringt von seiner Gefolgschaft, jungen Kerlen mit Revolvern am Gürtel, lässig gestützt auf schwere Gewehre. Fabiano nennen sie ihn. Fabiano, der Geier. Er ist klein und schmächtig, seine dunklen Haare hat er mit viel Gel zur Seite gekämmt wie ein italienischer Schnulzensänger, wie ein Möchtegern-Schwiegersöhnchen auf Brautschau. Um seinen Hals baumeln dicke Goldketten, massive Anhänger mit glitzernden Steinchen, ein Stern, ein goldenes Gewehr. Plumpe Insignien der Macht. Hier im Norden von Rio de Janeiro, im Rücken der steinernen Christus-Statue, fernab von Copacabana und Zuckerhut, hat Fabiano sein Reich. Er bestimmt, wer im Baile Funk singen darf. Er kontrolliert den Drogenhandel in mehreren Armenvierteln. Seine Bande beherrscht die Favelas, die hier die Hügel überziehen. Absolutistisch, gewaltsam, erbarmungslos. Die Polizei sucht Fabiano wegen Mordes, doch die Favelas sind eine gute Festung. 

Nur einige Meter von Fabiano entfernt steht Weber und öffnet eine Dose Bier. Er lehnt an einer aus Klapptischen improvisierten Bar, seine hellblauen Augen schweifen über das Gewusel in der Gasse. Weber trägt eine Baseball-Kappe in Tarnfarben, die Haare hat er bis auf wenige Millimeter abrasiert, an seinem Kinn stehen blonde Stoppeln. Seine 38 Jahre sieht man ihm nicht an, und doch wirken Surf-Shorts und Skater-Schuhe ein bisschen wie Andenken an frühere Zeiten.

Vor drei Jahren, als sich Weber in einem Linienbus in Rio de Janeiro mit einem rappenden Kassierer anfreundete, lernte er den Baile-Funk kennen. „Als ich die Baile-Funk-Beats zum ersten Mal hörte, dachte ich nur: Was ist denn das?“, sagt er in breitem Schwäbisch. „Musikalisch ist Funk total billig, aber der Beat ist bockstark.“ Auf einem Straßenfest in einer Favela wagte er sich dann zum ersten Mal in die Schlange hinter der Bühne, wartete stundenlang bis spät in die Nacht – und erntete Pfiffe und Beschimpfungen. Doch Weber ließ sich nicht unterkriegen, fuhr Wochenende für Wochenende quer durch die Stadt, von Armenviertel zu Armenviertel, um dort für ein paar Minuten auf den Baile-Funk-Partys singen zu dürfen. Er lernte Mr. Catra kennen, einen der größten Stars der Szene, und auch die brasilianischen Medien begannen, sich für den Gringo, den unnachgiebigen Möchtegern-MC aus Deutschland zu interessieren. Weber trat in der Late-Night-Show von Jô Soares auf, dem brasilianischen Harald Schmidt, durfte eines der größten Musikfestivals in Rio moderieren, sang zusammen mit Mr. Catra, ging auf Tournee in Europa und den USA, brachte bei einem kleinen Berliner Label sein erstes Album heraus. Er machte sich im harten Funk-Geschäft einen Namen. 

Würziger Marihuana-Geruch

Ein Name, der ihm heute manch eine Tür öffnet. Als sein Kumpel Valnei Miranda Maciel alias MC Playboy, ein schlanker Schwarzer mit Trainingsjacke und goldener Uhr, bei Drogenboss Fabiano vorspricht, dauert es jedenfalls nicht lange bis er zurück zu Weber kommt und grinsend seinen goldenen Backenzahn zeigt. „Tudo certo!“, sagt er. Alles klar. MC Gringo darf heute Nacht singen.

Vorbei an Bierständen, Würstchenbuden und Süßigkeiten-Verkäufern drängen die beiden weiter hinein in das Armenviertel, bis zum Eingang des überdachten Sportplatzes, wo bereits Tausende von Füßen über den grauen Betonboden tanzen und trampeln. Der hämmernde Bass der meterhohen Boxenwände presst ihnen drückend-heiße Luft ins Gesicht, würziger Marihuana-Rauch vermischt sich mit dem Geruch schwitzender Körper. Die Menge bebt im hektischen Rhythmus des Baile Funk. Fünf pubertierende Jungs schieben sich in einer schaukelnden Polonaise vorbei, ein Halbwüchsiger wippt lässig zu den harten Beats – in der linken Hand eine Dose Bier, in der rechten ein Sturmgewehr. MC Gringo drückt sich abgewetzte Stöpsel in die Ohren. Zwei Mädchen, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, gehen tief in die Knie, stoßen ihre Hintern in die Luft, präsentieren die weißen Höschen unter ihren kurzen Röcken. Weber grinst, aus den Boxen dröhnt einer der aktuellen Baile-Funk-Hits: „Ai, ai, ai meu piru – Au, au, au mein Schwanz!“ 

Baile Funk, das ist heiserer Sprechgesang auf billige Synthesizer-Beats. Grob, roh, laut. Genauso billig die Texte über Sex, Gewalt und Drogen. Baile Funk, das ist Adrenalin und derbe Erotik. In den Favelas von Rio de Janeiro entstand Baile Funk Ende der achtziger Jahre, als die elektronischen Beats des Miami Bass, einer schnellen Hip-Hop-Variante aus den USA, nach Brasilien kamen. Brasilianische Rapper begannen auf Portugiesisch über die Beats zu singen, mischten sie mit Samba und anderen traditionellen Rhythmen. Mittlerweile hat der Baile Funk die Armenviertel verlassen, wird auch in den schicken Nachtclubs im Süden der Stadt gespielt, hat New York, London und Berlin erreicht. Die berauschendsten Baile-Funk-Partys steigen aber weiterhin in den Armenvierteln auf den Hügeln von Rio de Janeiro. Meist werden sie von den Drogenbanden organisiert, die so ihr Geschäft mit Marihuana und Kokain ankurbeln, Bandenmitglieder und Favela-Bewohner bei Laune halten wollen. 

Mitten in der bebenden Masse erreicht MC Gringo das kleine Podest, auf dem der DJ die Party anheizt, gerade mit gellender Stimme den internationalen Tag des Drogenhandels ausruft. Weber bleibt hinter dem Podest stehen, wo schon mehrere MCs warten – Masters of Ceremonies, wie sich die Hip-Hop- und Funk-Sänger selbst nennen. Händeschütteln. Schulterklopfen. Vergebliches Anschreien gegen das Dröhnen. Man kennt sich in der Warteschlange. MC Gringo zieht eine Promo-CD aus der weiten Tasche seiner Shorts und drückt sie einem Kollegen in die Hand, der ihm sofort überschwänglich in die Arme fällt und ins Ohr brüllt. MC Gringo reißt den Mund weit auf und verzieht das Gesicht zu einem breiten Lachen. Dann wendet er sich ab und wippt lässig zur Musik – ein bisschen eckiger als seine brasilianischen Kollegen. 

Sex und Gewaltverherrlichung

Weber stammt aus Stuttgart-Feuerbach. Als seine Mutter an Krebs stirbt, ist er 15, zwei Jahre später stirbt sein Vater an einer Lungenentzündung. Die ungeliebte Lehre zum Industriekaufmann macht er noch fertig, das habe er seinem Vater geschuldet, sagt er, dann schreibt er für das Partymagazin Prinz, macht ein Volontariat bei Sat.1-Baden-Württemberg, arbeitet als Radiomoderator und im Kinder-Zelt von Tabaluga-Tivi. Weber schlägt sich durch. Als Fotomodell, Messe-Promoter, Animateur im Robinsonclub. Doch seine große Leidenschaft ist die Musik. Er spielt immer wieder in verschiedenen Bands, macht Punkrock, Reggae, Ska und House, träumt davon, eines Tages sein Geld als Musiker zu verdienen. Als Weber bei einem Urlaub in Brasilien 2002 die 19-jährige Lidinéia kennen lernt, beschließt er, den Neuanfang in Brasilien zu wagen. Das Paar zieht nach Rio de Janeiro und hält sich zunächst mit Jobs als Fotomodels und Statisten in Telenovelas über Wasser. 

Als Weber in Chatuba endlich auf die Bühne darf, ist es Viertel nach Vier. MC Gringo umschließt das mit Kreppband geflickte Mikrofon fest mit seiner Rechten, drückt es an den Mund, nimmt es mit dem Grollen der Boxenwand auf. Seine Stimme ist heiser, er schreit seinen leiernden Sprechgesang ins Mikrofon. Das Beben auf dem Betonbolzplatz verlangsamt sich, viele Tänzer schauen erst überrascht, dann amüsiert. Ein blonder, blauäugiger MC, noch dazu mit starkem ausländischem Akzent, das ist für viele immer noch neu. Denn hierhin, in die Armenviertel im Norden von Rio, verirrt sich nur selten ein Gringo, ein Ausländer. Zu abschreckend, zu gefährlich sind die Berichte über diese Gegend, die wegen der vielen Schießereien zwischen Drogenbanden und Polizei im Volksmund „Gazastreifen“ heißt. 

Eu sou alemão – Ich bin Deutscher“, singt MC Gringo. Ein Wortspiel, denn im Slang der Favela heißt „Deutscher“ auch Feind. Vermutlich, weil in den alten Hollywood-Streifen die Bösen meist die Deutschen waren. Verglichen mit den meisten anderen Funk-Liedern ist MC Gringos Text damit fast schon geistreich. „Zurzeit ist das Niveau im Baile Funk ganz weit unten. Nur Putaria“, sagt er. Nur Schweinerein. Und wenn es einmal nicht um Geschlechtsteile und Sexualverkehr geht, dann singen viele Funk-MCs Lobeshymnen auf die Drogenbosse und ihre Machenschaften. Diese Gewaltverherrlichung und Anbiederung an die Verbrecher, sagt MC Gringo, lehne er ab. 

Hoje na Chatuba, tem baile com sotaque: Quem quer fazer amor, só diga fucky, fucky – Heute in Chatuba, gibt´s Baile mit Akzent: Wer Liebe machen will, der sagt nur fucky, fucky.” Ganz ohne Putaria kommt auch MC Gringo nicht aus. Mit beiden Händen presst er das Mikrofon an seinen Mund, schmettert, was die Stimmbänder hergeben: „Fucky, fucky, fucky!“ Die Masse unter dem hohen Wellblechdach ist außer sich. Auf einem Nachbarhaus tanzt ein kleiner Junge in bunten Bermudas unter einer Wäscheleine, schwingt ausladend seine Hüfte vor und zurück. An Schlafen ist hier heute Nacht nicht zu denken. 

Geld bekommt MC Gringo für seinen Auftritt in Chatuba nicht. In den Favelas singt er meist nur, um bekannter zu werden. Divulgação, sagt er, Verbreitung. „Erst kommt die divulgação in der Favela, dann kann ein Lied in der ganzen Stadt estourar“ - durchbrechen, explodieren. Fließend mischt Weber sein Schwäbisch mit portugiesischen Wörtern, die schlampigen Zischlaute beider Sprachen fügen sich erstaunlich harmonisch ineinander. „Eschtourar isch eine Kunscht“, sagt er. 

Seine Auftritte im brasilianischen Fernsehen sind nun schon eine Weile her, der Konkurrenz-Kampf ist hart und die Strukturen im Baile-Funk-Geschäft sind mafiös. Die gut bezahlten Partys, sagt Weber, in den Diskotheken und Nachtclubs, seien allesamt in der Hand weniger DJs und Manager, die einen Großteil der Gagen für sich beanspruchten. Momentan reichen Webers Einkünfte als Baile-Funk-Künstler gerade zum Überleben. Aber: „Ich werde es schaffen, den Baile Funk international bekannt zu machen.“ Estourar weltweit, der internationale Durchbruch. 

Inspiration für die Musik

Als MC Gringo gegen fünf Uhr morgens den überdachten Sportplatz von Chatuba verlässt, ist die Schlange draußen kürzer geworden, vor dem kleinen Laden, in dem die Drogenbande ihr Geschäft betreibt, Haschisch und Marihuana, Kokain und Crack, Ecstasy und Lösungsmittel verkauft. Alles fein säuberlich abgepackt in kleine Tütchen, darauf ein Stempel mit dem Preis und dem Logo des Comando Vermelho, des Roten Kommandos, wie die Drogenmafia heißt, zu der auch Fabiano und seine Bande gehören. Das Comando Vermelho beherrscht die meisten Armenviertel im Norden von Rio de Janeiro, die Polizei betritt das Gebiet nur schwer bewaffnet. Große Erfolge gegen die Verbrecher kann sie jedoch nicht erringen, zu gut sind die Banden mittlerweile ausgerüstet, zu groß ist die Korruption. 

Auf die Drogendealer angesprochen, zögert Weber. „Die sind halt da. Den wahren, echten Baile Funk gibt es nur in der Favela. Und hier sind eben auch die Knarrenjungs.“ Die Worte „Drogendealer“ oder „Verbrecher“ nimmt Weber nicht in den Mund. Alle Menschen in den Favelas, sagt er, müssten mit diesen Jungs leben, sie hätten keine andere Wahl. 

Mit einem schwachen, rosafarbenen Leuchten kündigt sich der neue Tag an, als Weber von seinem Auftritt nach Hause geht. Über steile Treppen und enge Gassen vorbei an Ziegelhäusern, hoch in die Favela Pereira da Silva, im Süden der Stadt, oberhalb des bürgerlichen Viertels Laranjeiras. Zusammen mit Ehefrau Lidinéia lebt er hier in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung – und fühlt sich wohl. „In der Favela habe ich viel Muße, sie ist voll Lebensenergie. Sie gibt mir Inspiration für meine Musik.“ Als irgendwo in der Ferne eine leise Melodie ertönt, geht Weber auf den kleinen Balkon seiner Wohnung. Er stützt sich auf das Geländer, schaut über das Häusermeer, lauscht dem fernen Grollen der Großstadt und der gedämpften Musik. Er nickt und lächelt zufrieden; denn es ist sein Lied, der Baile Funk von MC Gringo, der hier mitten in Rio de Janeiro durch die Favela schallt.


David Klaubert, geboren 1983, studiert Journalistik an der 
KU Eichstätt-Ingolstadt und schreibt freiberuflich u.a. für FAZ und Stern.



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Drei einsame Soldaten der Nationalgarde sind der letzte Außenposten des brasilianischen Staates, dann geht es hinein in die Favela, ins Reich der Drogenbosse. Schon nach wenigen Metern stehen die ersten Späher, weiter hinten patrouillieren Halbwüchsige mit Pistolen, Maschinengewehren und selbst gebastelten Handgranaten. Sie grüßen MC Gringo und mich fröhlich, schnorren Zigaretten, reißen Witze. Einfache Jungs, die Krieg spielen. Die Fotogenehmigung gibt es beim Chef der Bande. Aufregend, erschreckend faszinierend, ein Abenteuer wie im Film, wie ich es aus "City of God" und "Tropa de Elite" kenne. Eine surreale Parallelwelt.
 
Und doch traurige Realität für mehr als eine Million Menschen, die in den Favelas von Rio de Janeiro leben. Menschen, die sich den Gesetzen der Drogenbanden beugen müssen und immer wieder zwischen die Fronten geraten, wenn verfeindete Verbrecherbanden sich bekriegen oder die Polizei eine der Favelas stürmt. Allein in der ersten Jahreshälfte 2008 wurden in Rio de Janeiro nach offiziellen Angaben 2859 Menschen ermordet, 15 Menschen pro Tag. Die Polizei tötete im gleichen Zeitraum 757 Menschen bei ihren Einsätzen. Vertrauen in die Staatsgewalt lässt sich so nicht schaffen.
 
Erschreckende Zahlen und schockierende Bilder, die das Bild der Favelas prägen. Und doch sind die Drogendealer und Verbrecher, sind die Halbwüchsigen mit ihren Waffen nur eine kleine Minderheit in den großen Armenvierteln. Mittags werden MC Gringo und ich ganz selbstverständlich zum Essen eingeladen, es gibt Reis mit Bohnen und Fleisch, wofür das Geld eben gerade reicht. Die Kinder lassen von den Dächern der rohen Ziegelhäuser Drachen steigen, durch die verwinkelten Gassen schallt Musik, überall singen und tanzen Menschen – Menschen, die ihren harten und oft brutalen Alltag mit einer unglaublichen Energie und Lebensfreude meistern.

Bernhard Weber auf MySpace:

www.myspace.com/mcgringo