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 30.04.2017
Telefonhoerer
Den Telefonhörer beiseite legen und der Stille lauschen.  Foto: Istockphoto.com/syagci

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Düdeldü!

Von Hanno Kabel

Vor 76 Jahren erfand die Firma Muzak die Musikberieselung. Jetzt ist sie pleite – aber die Hintergrundmusik hat die ganze Welt erobert. Eine Reise durch deutsche Telefonanlagen. 


    Gleich platze ich. Mein Internet-Zugang funktioniert nicht. Ich habe deshalb die Nummer der „Alice“-Hotline gewählt, mich durch mehrere Menüs getippt, und muss seit fünf Minuten (oder sind es zehn?) die immergleiche Bassfigur, die immergleichen esoterischen Stimmen im Hintergrund, das immergleiche, absteigende „Düdeldüdeldüdeldüdeldüdel“ hören - und mich wieder und wieder vertrösten lassen: „Wir verbinden Sie gleich mit einem unserer Mitarbeiter. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld.“
Düdeldüdel.


„Keiner erwartet bei einer Hotline seine Lieblingssongs“, sagt Cornelius Ringe, Berater für akustische Markenführung bei der Audio Consulting Group in Hamburg, „aber keiner will gequält werden.“ Cornelius Ringe hat gelernt, Musik und Geräusche ausschließlich als Mittel zum Zweck zu betrachten. Die meisten Telefon-Warteschleifen schneiden in dieser Betrachtung nicht gut ab. „Das Ziel von Musik in einer Wartschleife ist es, die Stimmung positiv zu beeinflussen“, sagt Ringe. „Mood Management“, Stimmungsmanagement, nennen es die Fachleute.

Die beste Stimmung mache es natürlich, wenn man nach dem zweiten Klingeln den richtigen Ansprechpartner am Apparat habe, sagt Ringe. Aber wenn es eine Warteschleife gebe, dann sollte sie die Wartezeit so kurz wie möglich erscheinen lassen. „Bei Musik, die einem gefällt, erscheint einem die Wartezeit kürzer – aber es gilt auch andersherum: Bei Musik, die einem nicht gefällt, erscheint sie länger.“ Das Ergebnis ein und derselben Musik könne zwar je nach Zielgruppe sehr unterschiedlich sein. Was aber keinem gefalle, seien schlechte, kurz geschnittene Endlosschleifen in miserabler Tonqualität.
 
„Ich wollt’, ich wär ein Huhn“, tönt es von der Gutshof-Ei GmbH in Schackendorf aus dem Hörer, „ich hätt’ nicht viel zu tun. Ich legte vormittags ein Ei und nachmittags wär ich frei.“ Der Evergreen, gesungen um 1930 von den Comedian Harmonists, hat nichts von seinem Charme eingebüßt. „Darauf werden wir oft angesprochen“, sagt Jörg Steenbock, der bei Gutshof-Ei für die Telefonanlage zuständig ist. Für den kleinen Imagegewinn zahlt die Firma sogar einen jährlichen Gema-Beitrag.
 
Das Urheberrecht ist ein wichtiger Grund dafür, dass Unternehmen sich, bildlich gesprochen, eher für gezuckerten Brei entscheiden als für gut gewürzte Speisen. Gute Musik kostet meistens Geld – nicht nur dann, wenn man sie kauft, sondern auch dann, wenn man sie öffentlich abspielt. Dieses Geld treibt die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte in München, besser bekannt unter dem Kürzel Gema, ein: 137,70 Euro im Jahr pro angefangene 30 Amtsleitungen.
Weil nur wenige Firmen für etwas scheinbar Nebensächliches wie die Telefon-Warteschleife regelmäßig Geld ausgeben wollen, hat sich ein florierender Markt für gemafreie Musik entwickelt. Gerd-Peter Vogel, 47, aus Karlsruhe hat einmal als Rockgitarrist angefangen. Jetzt verdient er sein Geld hauptsächlich mit Songs, die er – einzeln oder im Paket – samt Nutzungsrecht verkauft. „Ich bin ein guter Musikhandwerker“, sagt Vogel. „Als junger Mann hatte ich noch Flausen im Kopf, so einen Musikerstolz. Aber man wird reifer. Musik wird nun mal gebraucht.“

Bei Vogel ist alles zu haben - von Ethno-Hiphop bis zur Punk-Version von „Jingle Bells“. Aber welcher Titel sich warum besonders gut verkaufe, sagt Vogel, das durchschaue er bis heute nicht. Der Song „Body & Soul“ zum Beispiel – eine einschläfernd wabernde Musik mit langsamem Rockbeat – sei eigentlich für eine Wellness-CD vorgesehen gewesen, als Hintergrund zur Massage. Das Lied habe aber besonderen Erfolg als Telefonmusik.
 
„Was können wir füreinander tun? Wir lassen alle Waffen ruh’n und wünschen uns, wir wären alle glücklich“, singt eine Frauenstimme friedvoll aus dem Hörer, eine eingängige Melodie, begleitet von einer akustischen Gitarre und einem leichten Beat. Mit dem Lied „Besser geht’s nicht“ der Gruppe 2Raumwohnung hält die Krankenkasse AOK ihre wartenden Anrufer hin. Das Lied hat auch schon einen Fernseh-Werbespot des AOK-Bundesverbands untermalt.
 
„Mit Musik wird manipuliert“, warnt der Kölner Publizist Rüdiger Liedtke. „Diese Musik ist nicht dazu da, Ihnen eine Freude zu machen, sondern dazu, die Verweildauer zu erhöhen.“ Liedtke, Autor des Buchs „Die Vertreibung der Stille“, sieht in der musikalischen Dauerberieselung ein kulturelles Grundproblem. „Wir halten die Stille nicht mehr aus“, sagt er. „Das ist wie eine Sucht – und besonders bei Jugendlichen wird sie immer stärker.“ Liedtke ruft zur Gegenwehr auf: „Wir sollten bewusst mit Musik umgehen.“ Man könne zum Beispiel im Restaurant den Wirt bitten, die Hintergrundmusik auszustellen. „Wahrscheinlich wird er sagen, die anderen Gäste wollen die Musik hören. Aber wenn Sie die fragen, stimmt das meistens gar nicht.“
 
Düdeldüdeldüdeldüdeldüdel. „Wir verbinden Sie gleich mit einem unserer Mitarbeiter. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld.“ Nein, ich habe keine Geduld mehr und lege den Hörer auf. Auf einmal erklingt die schönste Musik, die ich seit langem gehört habe: Stille.


Hanno Kabel, geboren 1969, ist Redakteur bei den Lübecker Nachrichten und bekam im Jahr 2003 den Essay-Preis der Heinrich-Heine-Gesellschaft verliehen. Er bloggt auch unter www.ln-online.de/hanno_kabel.



Nicht erschienen, weil

Das Thema in der Flut anderer Nachrichten unterging.

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1989 bot der Rockmusiker Ted Nugent zehn Millionen Dollar für die Firma Muzak – mit dem erklärten Ziel, sie nach dem Kauf abzuwickeln. Am 10. Februar 2009 musste das Unternehmen, das seit 1934 Gebrauchsmusik verkaufte, Konkurs anmelden.
„Muzak“ wurde in der englischen Sprache zum Synonym für fade, seicht dahinplätschernde Musik. Muzak ist allgegenwärtig - als Hintergrundmusik in Einkaufszentren, Gaststätten, Werkstätten, Fahrstühlen und sogar Toilettenräumen.