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 30.04.2017

Damals gab es hier Schürzen und Nähgarn, heute werden Sandwiches und Kaffee serviert.   Foto: S. Pahler

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Go Westend

Von Susanne Pahler

Das Münchner Westend, dessen bekanntester Bewohner wohl Monaco Franze war, avanciert zum neuen In-Viertel. Die Jungen übernehmen das Regiment, Werber richten ihre hellen Büros ein, Mode-Designerinnen eröffnen Ateliers.


    Die Schaufenster, mit Gold umrandet, fallen sofort ins Auge: Bei dieser Fünfziger-Jahre-Fassade rechnet kaum jemand mit puristischer Porzellan-
keramik und Schalen aus filigranen Kringeln, mit
dem Laden von Beatrice Pedersen. Er ist ein Novum in der Schwanthaler Straße, der Hauptschlagader des Münchner Westends, in der sonst hauptsächlich Stühle vor Arbeiterkneipen stehen und die Theken der türkischen Gemüseläden die Gehsteige halbieren.

Noch überrascht dieses Keramikstudio. Bald vielleicht nicht mehr: Das Westend gilt als eines der neuen Münchner In-Viertel. Immer öfter werden kreative Ideen umgesetzt, hier, im kleinsten Stadtteil, der heute nicht mehr, wie der Name vermuten lässt, im Westen liegt, sondern zentral, auf einer Anhöhe neben der Theresienwiese. Auch optisch putzt sich das Viertel heraus – und permanenter Baustellenlärm belästigt die Ohren.

Denn architektonisch gibt es bereits ein neues Westend: Baumeister toben sich seit 1998 auf dem Areal der Alten Messe aus, ziehen Bürokästen mit orange- und grünfarbenen Streben aus dem Boden, bauen aus dunklem und hellem Sandstein schwere Blöcke. 1500 Wohnungen werden hier in den nächsten Jahren entstehen, 5000 Arbeitsplätze in IT-, Medien- und Finanzdienstleistungs-
Firmen.

Einen Häuserblock neben der Schwanthaler Straße 131, neben Beatrice Pedersens Studio, wird das Kopfsteinpflaster aufgerissen und komplett erneuert. Trotzdem hat sie ihre Tür zur Straße offen: Die 31-Jährige mag es, dort die spielenden Kinder zu hören: „Das ist fast wie Urlaub“, sagt die Schwedin, ihr Dialekt klingt ein bisschen wie aus der Ikea-Werbung. Sie amüsiert sich über die Männer, die gegenüber vor dem deutsch-türkischen Verein auf der Straße sitzend Tee trinken und „gescheite Sprüche“ machen. Und auch wenn die Künstlerin, die seit 2003 hier ihr Studio hat, alleine arbeitet – einsam fühlt sie sich nie. Weil draußen immer was los ist.

Das Westend wäre bis vor einigen Jahren die letzte Gegend gewesen, der man eine szenige Zukunft vorausgesagt hätte: Hier siedelten sich Anfang des 19. Jahrhunderts Brauereien, Schwefelsäure-, Teer- und Leimfabriken an. Es stank zum Himmel, darum waren die Mieten günstig. Hier war das „Glasscherben-
viertel“, die „Rossfleischinsel“, auf der Menschen wohnten, die sich kein anderes Fleisch leisten konnten. Bis auf die Augustiner-Brauerei sind die Fabriken weg. Die billigen Mieten aber sind geblieben. In den Siebzigern zogen deshalb vor allem Ausländer und Menschen mit wenig Geld ins Westend.

Kein Kino, kein Fußballplatz, kaum Bäume

Beliebt war das Viertel bisher nicht. Zu glatt und einheitlich sind die Fassaden der Häuser, zu hellbraun der Anstrich, zu wenig Bäume vor den Türen. Die Stadt hat hier ihren geringsten Grünflächenanteil: Auf jeden Einwohner kommen nur 2,8 Quadratmeter, der Durchschnitt liegt bei 21,5 Quadratmetern. Kulturell ist hier kaum etwas los, kein Kino, kein Gymnasium, kein Theater, kein Hallenbad, kein Fußballplatz.

Fast die Hälfte der Westend-Bewohner kommt aus dem Ausland. Der Rest sind bayerische Urgewächse, die so stolz auf ihr Viertel sind, dass sie sich nicht vorstellen können, anderswo zu leben. Einer der bekanntesten Bewohner war der Monaco Franze. Zwar fürs Fernsehen erfunden, ist er doch ein Abbild des typischen Westendlers, der von seinen Wurzeln im Arbeiterviertel nicht loskommt und immer wieder dorthin zurückkehrt.

Eigentlich heißt das Westend ja Schwanthaler Höhe, doch kaum einer nennt es so. Vielleicht, weil die Münchner – verschrien für ihr Millionendorf und die immerwährende Gemütlichkeit – wenigstens dem Namen nach ein Viertel haben wollen, das ein wenig nach wilder Großstadt und sündigen Abwegen klingt. Oder weil hier auf der Schwanthaler Höhe niemand hoch hinaus kam. Bisher.

Seit eineinhalb Jahren gibt es in der Kazmairstraße 45 einen DDR-Supermarkt. Steffen Hammerschmidt hat den Osten in den Westen geholt – inklusive Honecker-Bild. Nicht nur ins Westend, auch deutschlandweit war der 36-Jährige der Erste mit dieser Idee. Die Kunden erleben in seinem Laden eine Zeitreise. Zum Beispiel Inge Neuß, 51, die „einfach mal reingucken“ wollte. An der Kasse entdeckt sie „Persico“-Likör und beginnt zu strahlen: „Das war in den Siebzigern unser Getränk“, erzählt sie begeistert. „Das ist ja wie im Konsum hier, man möchte es nicht glauben!“ Steffen Hammerschmidt freut sich darüber, er ist ein Kumpeltyp, der jeden Kunden fragt, ob er helfen kann, der jeden gleich behandelt, auch den, der nur wegen des billigen Ost-Biers kommt.

Ein Viertel, das gerne stehen bleibt

2400 Produkte bietet Steffen Hammerschmidt an. Aldi hat nur 800. Leben kommt in seine Augen, wenn er davon erzählt, dass der Laden in diesem urbayerischen Umfeld zu einer richtigen Kultstätte geworden ist. Er lässt sich einen Kaffee nach dem anderen aus der Kaffeemaschine. Natürlich trinkt er Rondo Melange aus Magdeburg, der im Alu-Regal direkt neben dem aus „Good Bye, Lenin“ bekannten „Mocca Fix Gold“ steht. Die Studentenparty gestern ging zu lang, er hat verschlafen und den Laden erst jetzt, gegen Mittag, aufgemacht – was drei Kunden sofort monieren. Wie bei Tante Emma geht es zu.

Im Westend ist die Zeit stehen geblieben. Noch kennt jeder jeden, es gibt  Läden, die Kurzwaren verkaufen und weder Auslage noch Angestellte seit vierzig Jahren ausgetauscht haben. Und: Wo sonst in München findet man noch Wecker mit giftgrün fluoreszierenden Goldzeigern, die als Dreieck aufgestellt werden und auf Handgröße zusammenfaltbar und im beigen Lederetui verstaut werden können? Nur: Begehrt sind diese Läden nicht sonderlich.

Bis zu hundert Kunden kommen hingegen täglich in den DDR-Supermarkt, an Hochtagen bis zu 240. Extra eng hat Steffen Hammerschmidt die deckenhohen Aluregale auf den 70 Quadratmetern gestellt. „Ich will ganz bewusst, dass sich Schlangen bilden“, erzählt er feixend und zündet sich in der Ladentür eine  „Cabinet“-Zigarette an. Der Saarländer zog vor drei Jahren ins Westend und genießt es, in dem Viertel nur wenige Schickimicki-Menschen um sich zu haben. „Durch die Büroleute, Banker und Agenturmitarbeiter kriegt das zwar immer mehr neumodischen Touch, aber das passt auch, weil es hier eben alle sozialen Schichten gibt.“ Ein älterer Herr braucht plötzlich seine Hilfe, er sucht das kleine, ostdeutsche Pendant zur Mozartkugeln: Halloren-Kugeln aus Halle, eine Hälfte Sahne-, die andere Kakao-Creme mit Schokolade überzogen, aus Deutschlands ältester Schokoladenfabrik von 1804.

Große Schaufenster geben im Westend gerne mal den Blick frei auf leere Räume, auf Zementsäcke oder Tapeziertische. Untergebracht waren hier zuvor Lebensmittelgeschäfte, Wäschereien oder Schuhläden. Doch jetzt übernehmen die Jungen das Regiment, Werber richten ihre hellen Büros ein, Architekten stellen die Regale mit ihren Büchern voll, Mode-Designerinnen eröffnen Ateliers:

Das neue Westend und ihre Macher

Angelika Paschbeck, zum Beispiel, hat gut zu tun. Die 26-Jährige arbeitet nicht nur an ihrem Label „Fummel+Kram“, das sie in die ganze Welt exportiert. Zur Wiesnzeit bietet sie auch das Unterwäsche-Design „Festschlüpfer“ an, weiche Lycra-Pants, auf deren Hinterteil ein bayerisches Emblem eingewoben ist. Angelika Paschbecks Atelier ist in ihrer WG in der Fäustlestraße 1. Hier sitzt die zierliche Frau mit dem blonden Wuschelkopf sonst an ihren bunten und legeren Designs, bestickt Shirts, Röcke und Kleider mit „Kram“, wie sie sagt, mit Strasssteinen und Dingen, die ihr gefallen. Momentan aber hängt sie vor allem am Telefon. Und jedes Telefonat bringt einen neuen Termin in den  Schlangenleder-Kalender. 

In den Fünfzigern, Sechzigern, da steppte in Schwabing der Bär. In den Achtzigern kam Haidhausen zu neuer Blüte. Zuletzt war das Glockenbachviertel an der Isar daran, das inzwischen die höchste Bar-Dichte der Stadt hat. Ob das Westend es diesem aktuellen Trendviertel gleich tut, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Was ihm aber jetzt schon zuzusprechen ist, sind die kreativen Köpfe. Und die sind ein untrügliches Zeichen, dass sich ein Viertel sozial verändert. In jeder Stadt.

Paschbeck beißt in eine Nektarine, doch noch bevor sie runterschlucken kann, klingelt wieder ihr Handy. „Schaffen wir eins? Machen wir halb zwei“, verabredet sie sich mit einer Kollegin. Sie muss los, zur Produzentenmesse im Bayerischen Hof. Danach hat sie einen Termin mit ihrer Werbeagentur, abends Fitnesstraining. „Und dann gehe ich mit einer Freundin saufen“, bevor es am nächsten Tag wieder so weiter geht: zehn Uhr Anprobe für den Fernsehdreh, um zwölf Termin beim Stoffgroßhändler, um 15 Uhr Radiointerview, von 17 Uhr an „Festschlüpfer“-Dreh im Trachtenladen Angermeier und im P1. Feierabend? Nicht in Sicht.


Susanne Pahler, geboren 1977, ist freie Redakteurin in München. Nach ihrem Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft volontierte sie bei der Zeitschrift Freundin und war dort anschließend Redakteurin. Ihre Schwerpunkte sind Kultur, Reise und Psychologie. Weitere Textproben auf ihrer Homepage www.texthandlung.com.



Nicht erschienen, weil

Das Thema nicht zeitnah zum Oktoberfest untergebracht werden konnte. 

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Die Reportage ist im August 2004 entstanden. Seitdem hat sich das Westend weiter entwickelt – der ganz große Szene-Boom ist bislang allerdings ausgeblieben.

Dass sich Münchner In-Viertel schnell ändern, erklärt amüsant eine Unterhaltung in der Serie „Monace Franze“ zwischen Monaco Franze und seinem Kriminalkollegen Manni Kopfeck (1. Folge: „A bisserl was geht immer“, 1983):

 
Manni Kopfeck: Ja weißt Du denn keinen Namen oder eine Adresse oder was?

Monaco Franze: Ja nix weiß ich – das einzige was ich weiß ist, dass sie runtergegangen ist in die U-Bahn am Marienplatz Ecke Kaufinger Straße. Hergekommen ist sie vom Promenadeplatz, Löwengrube, Frauenkirche, also ungefähr. Und so wie sie ausgeschaut hat, so wie sie gegangen ist, hat sie eher ausgeschaut, wie eine die aus der Arbeit kommt und heimgeht.

Manni Kopfeck: Ja, wenn sie nicht direkt zu ihrem Freund gegangen ist.

Monaco Franze: Freund, das hat sie doch bloß so gesagt.

Manni Kopfeck: Und, äh, dass sie vielleicht gar nicht in die U-Bahn eingestiegen ist, sondern in die S-Bahn?

Monaco Franze: Ach Schmarrn, S-Bahn, dann tät sie in einem Vorort wohnen und nach Vorort hat die überhaupt nicht ausgeschaut. Also für mich hat die eher so ausgeschaut, wie Innenstadt Randbezirk. Berg am Laim, Sendling, Waldfriedhof, Äußere Agnes-Bernauer-
Straße vielleicht. Auf jeden Fall nicht Nymphenburg und nicht Ost-Schwabing und Bogen-
hausen schon gleich gar nicht.


Manni Kopfeck: Und warum nicht Trudering oder Riem oder Daglfing?

Monaco Franze: Ja mei, so hat die doch nicht geredet – die hat mehr so geredet wie Rosenheimer Berg, Innere-Wiener-Straße, Max-Weber-Platz, Haidhausen – so hat die geredet. Genau! Haidhausen! Aus Haidhausen muss die sein.

Manni Kopfeck: Na, Franze – Haidhausen nicht, weil da wohnen ja jetzt ganz andere Leute wie früher. Des ist ja jetzt so in, des ganze Viertel. Ja wohnt die so wo, wo’s so in ist?

Monaco Franze: Na, da hast Recht, da wohnt die nicht. Für mich wohnt die eher so wo’s out ist. Äh, wo ist es denn out momentan?

Manni Kopfeck: Goetheplatz.
Monaco Franze: Goetheplatz, genau! Südliche Lindwurmstraße. Harras, genau. Da ist die her. So, des wiss ma jetzt, das heißt: Wir vermuten das mit hoher Wahrscheinlichkeit.