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 26.05.2016

Geltungsdrang und liebestrunkene Prosa: Wolf Wondratschek.    Fotos: Lilo Rinkens/dtv

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Der alte Poet

Von Wolf Reiser 

Kiffen, dichten, rebellieren - Wolf Wondratschek begann in den siebziger Jahren die deutsche Literaturlandschaft zu revolutionieren. Er galt als Rockpoet, Hurendichter, Berufsrebell. Heute ist er...ja, was? Wolf Reiser traf ihn in der Münchner Schumann-Bar.
    

    Auch mit 65 Jahren gelingt es Deutschlands dienstältestem Poeten Wolf Wondratschek problemlos sein sperriges Macho-Image zu bedienen. Bei unserem bislang letzten Treffen in der Münchner Schumann-Bar deute ich auf den Buchrücken des neuverlegten Reportage-Bands „Die weißen Jahre“. Dort findet sich ein Selbst-Zitat aus der großartigen Stern-Reportage über die  Dreharbeiten damals von John Hustons Malcolm Lowry-Verfilmung „Unter dem Vulkan“: „Und ich, guter Gott, ich hatte nun die Wahl, entweder mit John Huston zu pokern oder mit Jack Nicholson zu kiffen. Dass ich mich überhaupt entscheiden konnte, wundert mich noch heute.“  Ich frage, ob er sich denn nicht vorstellen kann, dass manche Menschen so etwas als Kotzbrocken-Koketterie empfinden?

„Meine Güte“, antwortet er „dann sollen sie mich für einen Angeber halten. Nur ich stand an jenem Nachmittag im Garten dieser von Huston angemieteten Milliardärsvilla vor genau diesem Problem. Kiffen oder Pokern. Ich bedaure nachträglich, dass ich nicht die Nerven hatte, beides zu tun, aber das Zeug von Nicholson war der Hammer, bestes Grass aus Hawaii, weswegen ich die Kurve nicht mehr kriegte, an Johns Pokertisch zu gehen. Ich blieb also am Pool liegen, schaute mir die Flamingos an, den schnell dunkel werdenden Himmel, trank, was John servieren ließ und träumte.“ 

Auf seinem langen und kurvenreichen Weg in das letzte Drittel des Fights, den man Leben nennt, hatte der einst als Rockpoet, Hurendichter und Berufsrebell gefeierte Wondratschek „wirklich nichts ausgelassen, was mich töten könnte. Meine Generation war nicht darauf vorbereitet, alt zu werden. Wir wollten doch alle jung draufgehen.“ Pech gehabt. Höchst erfolgreich erreichte er ab Ende der sechziger Jahre die Herzen seiner Generation. Kleine Bände wie „Chucks’s Zimmer“ und „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“  gehörten in jede Studentenbude und Kifferkommune  - wie die Zappa-und Che Guevara-Poster, die Mao-Bibel und Dylans „Freewheeling“. Sogar Reich-Ranicki erkannte in ihm einen „Klassiker der jungen Generation“.

Verliebt ins Alleinsein

Meine Bitte um ein Treffen löst zunächst keine Begeisterung aus. Seine Antwort-Mail, bar jeder persönlichen Anrede: „Ich lese gerade ein Gespräch mit Graham Greene und habe dort folgende Passage markiert: Nur habe ich etwas dagegen, wenn manche Leute mich als Rohstoff für Artikel betrachten, aus denen sie dann Profit ziehen.“ Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass wir doch allesamt irgendwie Rohstofflieferanten für unsere Mitmenschen sind.  Die mürrische Einwilligung enthält ein neues Aber: „Das mit dem zu machenden Foto gefällt mir deshalb nicht, weil ich mich nicht gern mehr ablichten lasse. Und eher auf Material zurückgreife, das vorliegt.“

Es zieht sich alles ein wenig. Eine Woche später lese ich: „Mittwoch 16.00 Uhr bei Schumanns okay. Wondratschek.“ Nachdem wir uns dann einige Male in der Bar seines Uraltfreundes Charles Schumann getroffen und dort recht spannende, heitere und erhellende Gespräche geführt hatten, mailte er: „Ich wünsche Ihnen ein gutes Schreiben. Es soll sich jeder endlich für das, was ich schreibe, interessieren - und nicht (nur) für meine Person. Ihr W.“

Für uns in etwa zehn Jahre jüngere Autoren war dieser Wondratschek – wiewohl es damals keiner zugab - ein Vorbild. Er war frech, jung, arrogant, eloquent, größenwahnsinnig, radikal links-chic, konsequent in der Verachtung des Kulturbetriebs und dennoch erfolgreich. Wo immer man hinkam, in die verruchte Ritze in St. Pauli, Domenicas Herbertstraße, den Jazzkellern von Paris, dem Ocean Drive in Miami mit dem alten Gym von Muhammad Ali, der Stierkampfarena von Ronda, den Souks von Tanger, den Redaktionsstuben von Playboy oder TransAtlantik – er war längst schon da gewesen. Immer zur richtigen Zeit am richtigen Platz, was uns Nachrückende auf Dauer ordentlich nervte. Sein Impetus: ,,Spannende Menschen zu treffen, der Langeweile zu entkommen, Neugier auszuleben auf andere Leben, andere Milieus, Bücher, Musik. Ich trieb mich herum, mit Vorliebe bei Blitz und Donner, seelenruhig im strömenden Regen stehend, glücklich in der Rebellion dagegen, nicht im Trockenen sitzen zu müssen, meine Wut, meine Wünsche und Träume aufzuschreiben. Die gekränkte und großartige Phantasie. Und das Alleinsein, in das ich mich verliebte.“

"Ich sah die Stunde meiner Größe verrotten"

Kindheit in Karlsruhe, väterliche Rohrstockedukation, über dem Bett der Nietzsche-Satz: „Wenn dir deine Eltern nicht passen, such dir neue.“ Während der Schulzeit verduftet er mit einem Gedichtband von Ezra Pound unterm Arm  nach Paris. „Ich konnte es kaum erwarten, erwachsen, arm und ein Dichter zu sein und mich zu verlieben.“ Also schläft er dort unter Brücken, verliebt sich, wird erwachsen und schreibt Briefe an Baudelaire, bis ihn Interpol nach ein paar Wochen aufsammelt. 

Später studiert er in Heidelberg und Frankfurt Gadamer, Nietzsche und Adorno und zieht 1972 nach München, ins Weltzentrum von Müßiggang und bittersüßen Ekstasen. „Auf der Tagesordnung stand Dummheit als Glücksgefühl. Ich sah die Stunde meiner Größe verrotten. Ich stand an der Theke des Cafe Capri, unserem Hauptquartier auf der Leopoldstraße und vertrödelte mein Leben. Hier standen wir rum, ohne zu reden, größenwahnsinnig wie kleine Berge, zu alt für Motorräder, zu schüchtern für das ganz große Verbrechen.“

Eines Tages taucht in seiner Taubenschlagbude dann auch noch Milliardärssohn und Bonvivant Paul Getty jr. auf, seit seiner spektakulären Entführung nur noch mit einem Ohr ausgestattet, aber dafür quollen die Jeanstaschen vor Heroin über. Wondratschek rettet sich augenblicklich in die Selbstdisziplin und legt eine Serie bemerkenswerter Hörspiele und Drehbücher hin, schreibt brillante Reportagen, provokante Essays und Songtexte.  In den frühen Siebzigern porträtiert er etwa Nelson Algren, Charles Bukowski, Lady Di, Yves St. Laurent, Veruschka, Maria Callas, Max Schmeling, Fassbinder.

Diogenes Verleger Daniel Keel wird vorstellig. „Dabei hatte ich nichts in der Schublade. Ich hatte nicht mal Schubladen.“ Aus dieser Not entsteht 1986 der grandiose Sonette-Zyklus: „Carmen - oder Bin ich das Arschloch der Achtziger Jahre?“ Hämisch stehen ihm die meisten Kritiker bei der Suche nach der Antwort bei. Mit der Zärtlichkeit eines Wolfs offenbart er da die Sehnsucht, Hingabe, Vergeblichkeit einer blutenden Männerseele. Zeilen wie „In deinen Augen sah ich das dunkelste Licht. Du bist wie ich, arme Schwester. Glücklich sein, damit begnügst du dich nicht,“ lesen sich heute noch wie die deutschen Untertitel  zu Dylans düsterem „Blood on the tracks“-Album. Als er als Honorar eine Kiste Gold fordert, beendet Keel das Thema Diogenes für immer. 

Zu weit geöffnetes Hemd und texanische Krokoleder-Boots

Sein aktueller Verleger bei dtv, Wolfgang Blank zeigt da mehr Gelassenheit: „ Rimbaud, Dylan, Wondratschek – Dichter also, die süchtig machen können, gibt es nicht so viele. Seine Gedichte, Erzählungen oder Reportagen sind geschliffene Steine: facettiert und pointiert, nüchtern und liebestrunken. Wenn er seinen Geltungsdrang zügelt, ist er ein bezaubernder und herzlicher Mensch. Sein bizarrer Erfahrungshorizont, seine gern versteckte hohe Sensibilität und die Diskontinuität des Ruhms verlangen ihm selbst und anderen einiges ab. Ich mag ihn sehr und ich bin glücklich, eine Gesamtedition seiner Werke verlegen zu dürfen.“ Mittlerweile liegen die elf Bände vor, sorgsam editiert, überarbeitet und aktualisiert. Sie verdeutlichen auch, welchen Bestand viele seiner Arbeiten haben, die einem damals oft als flüchtige Zeitgeistmoden erschienen und zeigt auf, was uns dieser seltsam konsequente Outlaw auch heute noch zu sagen hat.

Als gefragter Experte für gesellschaftliche Randzonen taucht er in den neunziger Jahren ein bisschen zu häufig in TV-Talkshows auf, mit zu weit geöffnetem Hemd, zu großer Sonnenbrille, löchrigen Jeans, texanischen Krokoleder-Boots und großer Klappe. Immer geht es dabei ums Boxen, ums Rotlicht und mafioses Insidertum, womit er vor allem seine traditionellen Gegner in den kulturaristokratischen Feuilletons bei Laune hält. 

Sein 1992 erschienenes Ludeneops „Einer von der Straße“ wurde dann auch trotz 70 000 verkaufter Exemplare so gnadenlos wie einhellig verrissen. 1995 verließ er München: „Die letzten 15 Jahre hätten nicht mehr sein müssen. Aber ich blieb und war nichts als ein durch geschwitzter Eisschrank.“ Seither wohnt er meistens in Wien, frei wie ein Nomade in ständig wechselnden möblierten Altbauwohnungen, ohne Fernsehapparat, im Zentrum die 38 Jahre alte IBM-Kugelkopfschreibmaschine mit aufgeklebtem Cello, einem Pinupgirl und einer Robert Crump-Comicfigur. 

Vom Lonely Wolf zum satten Salonlöwen

„Wien ist für mich keine Stadt“, sinniert er „sondern die Echokammer einer untergegangenen Welt. Unaufhörlich Musik. Kulissen übrig gebliebener Habsburger Pracht, die Paläste der Aristokratie neben geduckten Vorstadthäusern und eben überall Musik in leisen, weinenden Wiederholungen.“

Erzählungen und Romane erschienen in rascher Folge, fast jedes Jahr gab es ein neues Buch. Die morbide Bohemian-Atmosphäre mit all den Kaffeehäusern, den Opern, dem dämmrigen Stillstand tat seiner Produktivität gut. Viele seiner alten Fans aber mögen keine Erzählungen aus der Perspektive eines weitgereisten Cellos oder Bücher mit dem Titel „Mozarts Frisör“. Für sie ist der rastlos-hungrige lonely wolf zum satten Salonlöwen mutiert - mit höfischer Musik und einem diffus-bourgeoisen Opernzirkus als neuem Soundtrack. Er betrachtet die ehemaligen Fans heute vom andern Ufer der Donau ähnlich angeödet : „Einige tauchen heute noch auf meinen Lesungen auf. Spießer, harmlose, resignierte, angepasste und fett gewordene Kleinbürger, die nicht einen einzigen Traum von damals ins Alter gerettet haben.“ 

Lutz Hagestedt, Kritiker der Frankfurter Rundschau, attestierte Wondratschek 2001 eine „trostlose Prosa, überschätzt, eine einzige Quälerei und sah darin einen „Trauerfall der deutschen Gegenwartsliteratur“ - auf der anderen Seite, etwa von Fritz Raddatz gab es hymnische Anerkennung für Wondratscheks an Nabakow angelehnten l’art-pour l’art-Ästhetizimus. Schmerzt Kritik?  „Über ein mäßiges Bedauern geht meine Anteilnahme an diesen Dingen nicht heraus. Was mich eher amüsiert ist es, wenn von einem Comeback die Rede ist. Comeback, das trifft auf einen Boxer nach einer Niederlage zu. Ich kann mich aber an keine Niederlage erinnern. Ich habe immer geschrieben, war immer da, immer präsent.“

Wie schafft es der Hobby-Cellist den Bogen zu spannen von St. Paulis erhebenden Niederungen hinüber zum Wiener Opern-Milieu? Und wie von Dylan zu seinem Freund Gulda? „Ich sehe da keinerlei Widerspruch. Wie gesagt - ich liebe und lebe das Entdecken ganz unterschiedlicher Milieus. Beispiel: Vor gut 30 Jahren saß ich abends in der Kieler Ostseehalle am Ring beim Comeback-Versuch meines Freundes, dem Ex-Champion Eckhard Dagge, die Stunden danach feierten wir mit gemeinsamen Freunden in einem Bordell und mit der Frühmaschine flog ich nach München, um rechtzeitig ein Mozartkonzert mit Friedrich Gulda zu besuchen.“ 

Ins Ballett oder The Who-Konzert?

Sein Mobiltelefon klingelt jetzt. So wie er mit dem Gerät umgeht, dürfte es der erste Anruf seit dessen Erwerb sein. Eine Frauenstimme will wissen, ob man heute Abend zusammen ins Ballett geht oder doch in das The Who-Konzert. „Verstehen Sie jetzt, was ich meine?“

Und wie geht der Musterknabe der Forever Young-Generation mit dem Altwerden um?  How does it feel? „Wer George Tabori begegnen durfte, konnte einen wahren Meister bei der Arbeit des Alterns sehen. Ich habe bei ihm jede Minute unserer Begegnungen genutzt, um in die Lehre zu gehen.“ Und unter rein schriftstellerischen Aspekten: „Ich bin wieder so unabhängig wie damals, als ich gerade mit dem Schreiben angefangen hatte. Ich dehne die Zeit in den Sätzen, lasse sie anders atmen, höre zu, wie sich die Sprache mit sich selbst unterhält.“ Und die Liebe, die Lust? „Aber ja, der Hunger, eine Art Gier nach allem Intensiven, nach Sex, Schönheit, Geheimnis ist immer noch da. Ohne Einschränkungen. Aber es verbindet sich alles nicht mehr so mit dem Wunsch nach Zerstreuung, sondern mit der Hoffnung auf Erlösung.“


Wolf Reiser, geboren 1955, ist freiberuflicher Autor in München und schreibt u.a. für den stern, Zeit-Magazin, Playboy, Madame, FAZ und SZ. Er studierte 
Germanistik, Theater- und Literaturwissenschaften in Berlin und München. 




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Wolf Wondratschek, geboren am 14. August 1943, wuchs in Karlsruhe auf. Mitte der sechziger Jahre war er Redakteur der Literaturzeitschrift "Text und Kritik" und lebt seit 1972 als freier Autor in München und Wien. Er veröffentlichte Lyrik und Prosa, machte sich aber auch durch stilistisch einzigartige Reportagen einen Namen. Mit seinen literarischen Arbeiten spaltet er seit Jahrzehnten die Geister des Literatur-
betriebs.  

1968 erhielt Wondratschek den Leonce-und-Lena-Preis für Nachwuchslyriker, 1970 bekam er den Hörspielpreis der Kriegsblinden verliehen.

Wolf Wondratschek im Internet:
www.wolf-wondratschek.de