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 30.04.2017

Nichts sagen, hören oder sehen - das wäre der chinesischen Regierung wohl am liebsten.   iStockphoto.com/NickS

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Dissidenten im Netz

Von Andreas Schubert

Menschenrechte? Darauf pfeift die chinesische Regierung und weiß Kritik im eigenen Land zu unterbinden. Im Internet aber drücken Exil-Chinesen unverhohlen ihren Unmut aus.


    Blogger in China haben es alles andere als leicht: Unliebsame Seiten lassen die Behörden sperren, wer sich regierungskritisch äußert, muss mit harten Strafen rechnen. Rege aber nutzen im Ausland lebende Chinesen das Netz, um Kritik an der Politik in ihrer Heimat zu üben.

Vor allem Amateure wie „angrychineseblogger“ - die nicht viel über sich verrät, außer dass sie süß, unschuldig, ehrlich und „besessen“ von ihren Haaren ist - sind dabei von einem überdurchschnittlichen Mitteilungsbedürfnis getrieben. Auf ihrer Seite befindet sich ein eher ungeordnetes Sammelsurium von Kommentaren und Bildern, die sich mit Zensur und Menschenrechtsverletzungen in China befassen.

Die Olympischen Spiele 2008 dürften den Schreibdrang von chinesischen und China-affinen Amateurautoren im Netz noch zusätzlich angeheizt haben. Es geht sogar soweit, dass relevante Kritikerstimmen in der gut gemeinten Blogger-Informationsflut allmählich unterzugehen drohen - wie die der im US-Exil lebenden prominenten uigurischen Menschenrechtsaktivistin Rebiya Kadeer. Und das, obwohl sie auf Youtube in mehreren Sprachen zu Wort kommt und unzählige Artikel über sie veröffentlicht wurden. 

Um das Wirrwarr an Informationen zu entknoten, hat die Uyghur American Association, sozusagen die US-Auslandsvertretung chinesischer Muslime (uyghuramerican.org), eine Auswahl kritischer Artikel aus verschiedenen englischsprachigen Medien wie der ABC auf ihrer Seite zusammengestellt.

Dass Kadeer zusammen mit anderen Dissidenten, nämlich Bob Fu, Harry Wu, Wei Jingsheng und Sasha Gong, kürzlich von US-Präsident Bush empfangen wurde, fand die chinesische Führung natürlich nicht sehr erfreulich und kritisierte die amerikanische Regierung. Denn Bob Fu zum Beispiel, einer der Anführer des blutig niedergeschlagenen Protests am Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989, veröffentlicht auf seiner Stiftungsseite chinaaid.org jedes Jahr eine Zusammenfassung von Vergehen an chinesischen Christen und berichtet aktuell von Protestaktionen .

Die Stiftung von Harry Wu hingegen geißelt auf der Webseite laogai.org vor allem chinesische Zwangsarbeit – dafür steht der Name der Homepage – , aber auch die Ein-Kind-Politik und Todesstrafe in der Volksrepublik und veröffentlicht eine ausführliche Presseschau amerikanischer Zeitungen. Kritik übt die Laogai Research Foundation auch an denjenigen, die glauben, dass Kapitalismus eine Reform des Regimes mit sich bringt. „Die Geschichte hat gezeigt, dass der Aufschwung in China weder grundlegende Verbesserungen der Menschenrechtssituation mit sich gebracht hat, noch Reformen des Rechtssystems“, heißt es in einem Kommentar. Gegen die Zwangsarbeit sieht Harry Wu vor allem ein Mittel: Seit Jahren fordert er die USA dazu auf, Produkte, die in Arbeitslagern hergestellt wurden, vom Markt zu verbannen. Er selbst war nach eigenen Angaben 19 Jahre lang in einem Lager interniert, wie er im vergangenen Juni (2008) bei einer Anhörung einer Kommission betonte, die sich mit den Handelsbeziehungen der USA mit China befasst.

Die Rechte von Arbeitern stehen auch im Fokus des in Hongkong agierenden China Labour Bulletin (china-labour.org), das zwar feststellt, dass sich die Rechte von Arbeitern in den vergangenen Jahren verbessert haben, „Verletzungen der Arbeiterrechte bleiben allerdings an der Tagesordnung“, kommentiert die Vereinigung.

Wer schließlich zu der China Digital Times des Menschenrechtlers Xiao Qiang, Professor für Journalistik an der kalifornischen Berkeley-Universität surft, bekommt auch beißende Kommentare zu Olympia serviert. Die Spiele seien, so Xiao Qiang, der Chinesischen Führung „eine Bühne, die außergewöhnliche Dynamik des Landes zu demonstrieren, die sie in den letzten drei Jahrzehnten aufgebaut haben. Im Inland dient diese Demonstration dem noch wichtigeren politischen Zweck, die Herrschaft des Regimes in den Augen des chinesischen Durchschnittsbürgers weiter zu legitimieren. Diesem Gebot zufolge war eine architektonische Sprache des Bombasts und Gigantismus fast unvermeidlich.“ 

Wahrheit ist eben Ansichtssache – darin sind sich prominente Kritiker und Blogger einig.


Andreas Schubert, geboren 1972, volontierte nach seinem Studium der Germanistik und Anglistik bei der Süddeutschen Zeitung. Dort arbeitet er seitdem als freier Redakteur.



Nicht erschienen, weil

Versehentlich zwei Autoren gleichzeitig mit dem selben Thema beauftragt wurden.

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